Menschen ehren! 

Bruce Springsteen #2

Aus der Reihe Menschen ehren! erzählt dieser Blogbeitrag (m)eine Geschichte über meine Verbindung zu Bruce Springsteen. Im Duett mit Rainer Molzahn entstand dieser Beitrag. Rainer ist am 05.10.2024 verstorben. Hiermit möchte ich auch ihn ehren und in Erinnerung behalten.

#2 Rainer

(18.12.2023)


Danke, lieber Marcus. Erst einmal für deine Zeilen bis hierher, die mich berührt und neugierig gemacht haben! Mehr zu meiner Neugier später. Mein Dank auch für deine Einladung, mich frei zu fühlen. Ich werde mich frei fühlen, mich frei zu fühlen…

Erstmal aber zu mir, Bruce Springsteen und den ‚goldenen Jahren‘ des westlichen dominierten Nachkriegskapitalismus. Stimmt! Bruce und ich sind derselbe Jahrgang. Er ist sogar ein paar Wochen jünger als ich. Wir waren Kinder in den 50ern: kalter Krieg und ‚Wirtschaftswunder‘. Jugendliche in den 60ern: die Beatles, die Jugendbewegung, die aufkeimende Gegenkultur. Bruce wird mit diesen Worten über die Ankunft der Beatles in seinem Soziotop zitiert: „Dies war anders – es veränderte die ganze Landschaft. Rock’n‘Roll kam in mein Haus, aus dem es scheinbar keinen Ausgang gegeben hatte, und eröffnete eine ganze Welt neuer Möglichkeiten.“

Mir ging es mit den Beatles und der Kulturrevolution, die durch sie eingeläutet wurde, sicher genauso wie Bruce. Mindestens. Er war  von komplexer kultureller und sozialer Herkunft, aber er wuchs immerhin auf in der Siegernation des zweiten Weltkriegs. Während der stille Erfahrungshintergrund meiner Kindheit geprägt war durch eine kollektive posttraumatische Belastungsstörung der Westdeutschen – Täter wie Opfer des Nazi-Horrors . Diese Erfahrung war besonders gespenstisch, weil es in der frühen Bundesrepublik keine Kultur davon gab, sich gegenseitig die eigenen Geschichten davon zu erzählen.

Während gleichzeitig alte Nazis immer noch einflussreiche Posten in Politik, Verwaltung und Erziehung innehatten. (Siehe u.a. ‚Der Staat gegen Fritz Bauer‘). Wir wussten als Schüler*innen nie, welche unserer Lehrer (mehr als Lehrerinnen sicherlich) Nazi gewesen war, oder mehr oder weniger verdeckt immer noch war. Joschka Fischer – auch ein Generationsgenosse – hat seine Geschichte davonin späteren Jahren geteilt.

Während wir heranwuchsen und selbstbewusster wurden, fantasierten wir aber immer treffsicherer in einige der dunkleren Andeutungen unseres Lehrpersonals hinein. Ich erinnere mich auch an viele Treffen mit Familie und Verwandtschaft (Onkel, Tanten, Omas, Opas, Cousins und Cousinen – alle dem ländlichen Proletariat entstammend – seit der „schlechten Zeit“ als Geflüchtete aus Pommern in den frühen Nachkriegsjahren in SH wohnhaft, oft von den Eingeborenen als irreguläre Migranten beargwöhnt und verunglimpft: nicht willkommen). In diesen meist nachmittäglichen Kaffee-und-Kuchen-Dialogen, die mich als Frühpubertierender schmerzhaft langweilten, wurde aller möglicher trivialer Quatsch ausgetauscht wurde, aber nichts Reales. “Hem jem jemme Kartüffel al inföhrt?“ Für mich eine kulturelle Geisterbahn. Ich war in meinem Zuhause nicht zu Hause. Und dann geschah...


Ich erinnere mich noch wie heute, wie ich mit zwei Freunden von der Wohnung meiner Eltern in der Schwartauer Landstr. 3-5 in Lübeck (eine Bundesgrenzschutz-Kaserne, in der mein traumatisierter Vater die sogenannte Innendienst-Leitung einer Hundertschaft von Grenzschützern innehatte, die ihren täglichen Streifendienst am zu Recht so  genannten Todesstreifen verrichtete) ins Schauburg-Kino in der Lübecker Straße in Bad Schwartau ging, um den ersten Beatles-Film ‚Yeah! Yeah! Yeah! ‘ zu sehen, und als Pilzkopfzurückkam. Ein Jahr später, nachdem ich Ferien- und Nachmittagsjobs zur Finanzierung meiner ersten E-Gitarre (von der Weltmarke ‚Höfner‘, die auch Paul McCartneys Bass herstellte) ausgeübt hatte, gründete ich meine erste Beatband: ‚The Bats‘ – Die Fledermäuse. Von da an war ich eigentlich für die westdeutsche Mainstream-Kultur nicht mehr erreichbar. Die Welt des deutschen Schlagers wurde für mich zu künstlerischem Feindesland. Wenig hat sich seitdem geändert, halleluja. 

Wir waren junge Erwachsene in den 70ern. Club of Rome, Olympia ’72 in München, Ölkrise, RAF (das waren unsere ungeduldigeren Kommilitonen), Mogadischu: jetzt wurde es ernst, und wir wurden als Erwachsene ernsthaft gefragt. Antiautoritäre Erziehung, Selbsterfahrungsgruppen, polyamouröse Beziehungsexperimente… Wir fühlten uns von Jahr zu Jahr einerseits freier, und andererseits verantwortlicher, denn wir begannen alle, Kinder zu bekommen. 

Meine tiefste Verbindung mit Bruce Springsteen spürte ich beim legendären No Nukes-Festival in New York 1979: als meine amerikanischen Brüder und Schwestern zusammenkamen – kurz nach der atomaren Beinahe-Katastrophe von Three Mile Island – um gemeinsam für eine nicht-nukleare, nachhaltige und bewahrende kulturelle Transformation einzutreten. Gegenkultur, sozialer Aktivismus und künstlerische Kommunion. Alles kam zusammen, und alle waren da: unter anderem James Taylor, Bonnie Raitt, Graham Nash, Carly Simon, die Doobie Brothers mit Michael McDonald, John Hall, Jackson Browne und eben auch Bruce Springsteen mit seiner E Street Band. Dieses Festival war wirklich ein Volksfest der globalen, herangereiften Jugendkultur. So viel Hoffnung, Gewissheit und Verantwortungsbereitschaft! Ich bekomme heute noch feuchte Augen, wenn ich die Videos sehe.

Dann kamen die 80er. Reagan, Thatcher, Kohl, AIDS, die Volkszählung 1981 und die Pershing-Krise. NDW, Computer-Musik, die Person als Entrepreneur der eigenen Lebensgestaltung. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“ Und natürlich 1986 Tschernobyl. Alles fiel auseinander.

Für mich als Musiker hatte das zur Folge, dass ich weniger und weniger Lust oder Geduld hatte, kulturellen Mainstream-Teich mit anderen Fischen um Nahrung und Beute zu konkurrieren. Ich wandte mich mehr und mehr der improvisierten Weltmusik zu. Natürlich mit der Folge, dass ich endgültig von jeder Illusion von kommerziellem Erfolg Abschied nehmen musste. Was ich tat. 

Bruce Springsteen hatte in krassem Unterschied zu den Folgen meiner Entscheidungen seinen Durchbruch in das Pantheon der populären Musikkultur in den 80ern mit ‚Born To Run‘. Er fuhr also fort, im besten Sinne Volksmusik zu machen – aus dem Volk, für das Volk


Und auf dieser heiteren Note, lieber Marcus, gebe ich zurück an dich, mit zwei Fragen, verlangsamend und verstärkend:

  • Wie ist deine persönliche Geschichte der Begegnung mit dem, für das Bruce Springsteen für dich steht?
  • Was ist also das, was du an ihm ganz besonders ehren-wert findest – egal, in welcher Disziplin, egal, in welcher Hinsicht?