Menschen ehren!
Bruce Springsteen #3
Aus der Reihe Menschen ehren! erzählt dieser Blogbeitrag (m)eine Geschichte über meine Verbindung zu Bruce Springsteen. Im Duett mit Rainer Molzahn entstand dieser Beitrag. Rainer ist am 05.10.2024 verstorben. Hiermit möchte ich auch ihn ehren und in Erinnerung behalten.
#3 Marcus
(03.09.2024)
Meine Antworten auf deine Fragen haben aus unterschiedlichen Gründen auf sich warten lassen. Noch immer bist du da und fragst, noch immer ist Springsteen da und fragt und noch immer stehe ich fragend im Leben und ringe mit dem eigenen Werdungsprozess. Oder sind es vielmehr Werdungsprozesse, die uns und mich auf ganz unterschiedlichen Ebenen fordern? Du lieber Rainer, hast erst heute im Austausch (wieder) eine Saat gesetzt: „Jeder Eindruck, braucht auch immer einen Ausdruck!“ Die Ermächtigung und viel mehr noch die Einladung, dem Kreativen in uns Raum zu geben. Unter dem Eindruck des bisherigen Austausches und deiner zwei Fragen an mich, setzte ich nun erneut zum Ausdruck an.
(M)eine Begegnung mit dem Ehren(s)wertem
Wie ist deine persönliche Geschichte der Begegnung mit dem, für das Bruce Springsteen für dich steht?
Ein Mann, in eine Welt geboren, dem schützenden Mutterleib entschlüpft und Lebensstufe um Lebensstufe auf der Suche nach Heimat, Hingabe und Herrwerdung der eigenen Götter und Dämonen. Letztendlich zeichnet Springsteen, wie wahrscheinlich alle Männer unter dieser Sonne, die Geschichte Odysseus und seine Heimkehr nach Ithaka nach. Wir werden geboren, wachsen auf, brechen auf und ein und wieder auf und sind alle auf der Suche nach Heimkehr. Auch du hast oben deine eigenen Geschichten in all den Dekaden so offen dargelegt und deine Odyssee gezeichnet. Ich bin berührt von deiner Geschichte.
Das, was ich vor allem ehren möchte, ist die Bewusstwerdung dieser heiligen Reise im Leben von Springsteen und allen Männern und Frauen auf diesem Planeten.
Für uns alle gibt es ein Ithaka in unzähligen Variationen. Jeder und jede ist gerufen und darin gefordert seine oder ihre Bestimmung zu finden und dem Ruf zu folgen. Dabei geht es mir hier weniger um die Definition der eigenen Bestimmung, das Benennen einer Endstation oder um feste Koordinaten, die einen realen Ort markieren. Das ist sicher nicht trivial und dem Ort der letzten Stunde gebührt natürlich Respekt. Und dennoch ist es für mich, mehr als alles andere, die Reise an sich, die Würde und Schönheit in der Menschen und hier meine ich vor allem (auch) Springsteen, ihre ganz eigene Reise bestreiten, die es für mich zu ehren gilt. Dies alles gipfelt in der Frage: Wie sehr gelingt es uns, den Schleier zu lüften und dem eigenen Sein zu begegnen? Oder wie sehr bleiben wir Gefangene der Geisterbahn und wandeln ziellos in den, auch von Springsteen besungenen, Badlands des Lebens?
Ich erinnere eine, von sicher zahllosen Heimfahrten in meinen frühen Dreißigern. In dieser Phase meines Lebens wähnte ich mich fertig, angekommen im Leben, klar und beständig, gerüstet für alles Weitere. Pustekuchen. Jede und jeder mit einem bisschen Wegstrecke im Leben erahnt nicht nur, sondern weiß, so funktioniert das Leben nicht. Die männliche Hybris klopft und pocht und lässt uns werden. Aber sie vollendet uns nicht und schon gar nicht in den ersten drei Dekaden.
Im Radio lief der Song The River von Springsteen und folgende Zeilen haben mich bis ins Mark erschüttert:
Now those memories come back to haunt me
they haunt me like a curse
Is a dream a lie if it don’t come true
Or is it something worse?
Ist ein Traum eine Lüge, wenn er sich nicht erfüllt? Oder schlimmeres?
Wie gehen wir also mit all unseren Träumen um, mit den schier endlosen Möglichkeiten, die das Leben für jeden von uns bereithält. Wird jeder unerfüllte Traum, jede Abzweigung, die wir bewusst oder unbewusst nicht nehmen, automatisch zur Lüge? Ohne die Reihe Menschen ehren! für zu persönliche Reflexionsprozesse zu ge- oder missbrauchen - aber hier nahm meine Bewusstwerdung ihren Anfang. Was eigentlich Quatsch ist, denn sie vollzieht sich zeitlebens. Also denke ich, hier nahm sie (erneut) Fahrt auf. Und das so richtig. Ich bin immer mehr und immer tiefer in die Musik und das Leben eines großartigen Künstlers eingetaucht. Eingetaucht bin ich in alle mir zugänglichen Artikel, vor allem natürlich in seine Musik und seine Texte.
Und dies ist der zweite Aspekt im Leben von Bruce Springsteen, den ich zutiefst verehre - seine fast mystische Gabe mit Sprache umzugehen.
Nicht erst seit Wittgenstein wissen (oder erahnen) wir: Die Grenzen unserer Sprache bedeuten die Grenzen unserer Welt. Und dieser Musiker, dieser Rockstar hat mit seinen Songs bedingungslos Grenzarbeit geleistet und hier und da ganze Grenzlinien des Sagbaren verschoben. Allein mit seinem Song The Ghost of Tom Joad aus dem Jahr 1995 hat Springsteen auf überzogene Polizeigewalt in den USA hingewiesen und sich in höchstem Maße verdächtig gemacht, gegenüber großen Teilen der sog. Schutzmacht. Doch wer, wenn nicht die Verrückten und Narren, die Träumer und Unerschrockenen, die Künstler und Kreativen haben die Mittel und Möglichkeiten, dies immer wieder zu wagen. All jene, die den Olymp erklommen haben und dort oben nicht dem eigenen Ego verfallen, Macht und Verantwortung verraten, all jenen gebührt mein tiefster Respekt. Springsteen zähle ich dazu. Und er tat dies immer wieder in dem Bewusstsein, „in dem ich instinktiv spürte, dass das Überschreiten bestimmter Grenzen mir mehr Schmerzen als Erlösung bringen würde“.[1] Es hielt ihn nicht davon ab, zu Handeln.
So wurde Springsteen in einer Zeit, in der ich mich eigentlich in Sicherheit wähnte und sich gleichzeitig tiefgreifend Veränderungen am Horizont abzeichneten (Ich gründete eine Familie, baute ein Haus, bekam zwei Söhne…) ein Vorbild, ein Freund, der mich immer wieder mitnahm, auf gemeinsame Reisen. Und immer wieder, wenn ich mich in bedrohlicher Nähe meiner inneren Abgründe aufhielt, war er die Stimme, die mir den Weg zurückgeleitet hat.
So stelle ich mir Springsteen und Odysseus gemeinsam in einer Bar vor...
„In diesem Leben (wir haben nur eins) musst du irgendwann Entscheidungen treffen und einen Standpunkt beziehen, du erwachst aus der jugendlichen Illusion der eigenen „Unsterblichkeit“ und unerschöpflichen Möglichkeiten, verlässt das Niemandsland der Adoleszens, du entdeckst Dinge jenseits deiner Arbeit, die deinem Leben Sinn und Bedeutung verleihen … doch dann mit einem Mal beginnt die Uhr zu ticken.“
So, durch diese Worte von Springsteen, erinnere ich meine eigene Götterdämmerung und mein Bewusstwerden in und für die Welt.
Unserem Leben den Sinn verleihen, den nur wir ihm verleihen können
Du kannst Springsteen googlen, seine Biografie Born to run lesen, alle seine Songs hören und seine Texte studieren. Erst heute habe ich erfahren, dass sogar Disney im Herbst 2024 eine Dokumentation über ihn und die E-Street Band rausbringt: Road Diary. Er ist in dem, was er tut und wie er es tut, einfach unheimlich gut und somit weltumspannend erfolgreich. Springsteen ist Ruhm und Ehre zu Teil geworden, er hat Siege und Niederlagen durchlebt. Womöglich hat er das sogar exzessiver als andere und gleichzeitig bewegen ihn dieselben seltsam vertrauten Lebensereignisse wie dich und mich auch.
Ihm werden meine allerhöchsten Ehren zu Teil, weil ich durch ihn ein Leben sehe, welches davon zeugt, dass wir in Anstand und Würde, mal laut oder leise, mal schwankend und dann wieder in fester Überzeugung, ein Leben führen können, dass uns selbst und den Menschen, die uns und denen wir anvertraut sind, Hoffnung und Zuversicht schenkt. Und was dem Einzelnen dient und Zuversicht schenkt, entfaltet auch Wirkung im Großen, in der Gemeinschaft. Wenn es uns nur gelingt die Seelen und Herzen der Menschen zu berühren, … dann haben wir zumindest eine Chance.
Dieser Teil unseres Austausches begann mit dem gewagten Vergleich zwischen Born to run und der Odyssee. Und ich für mich erkenne so viele Parallelen. So wie der alte Heerführer musste auch unser Rockstar zahlreiche Lebensschnellen durchqueren. So wie Skylla Odysseus sechs seiner treusten Männer nahm, hatte auch Springsteen mit Verlusten umzugehen. Und so wie Charybdis das Meer ein- und aussaugt, hat auch das Leben seinen Tribut von Springsteen gefordert. Es hat genommen und gegeben in all seiner Wucht. Allein die Reise wurde und wird noch immer fortgesetzt. Trotz all dem Ärger, vielleicht verursacht durch einen üblen Voodoozauber, einem Furienfluch, dem Malocchino – dem bösen Blick, der sich gegen einen richtet, trotz all der Widrigkeiten eines Lebens, ist dieser Mensch vor dem Leben nicht zurückgewichen. Dieses tapfere Herz schlägt und weist auch mir einen Weg aus der Dunkelheit, die mich manchmal umhüllt. Es berührt mein eigenes Herz und so erreicht der Zauber und Segen dieses Mannes, meine Seele und lässt mich, in meinen helleren Momenten, auch andere ansprechen. Das ist Resonanz für mich.
Manchmal Summe ich die ersten Zeilen aus dem Song No Surrender – Kein Rückzug.
We busted out of class had to get away from those fools
We learned more from a three minute record than we ever learned in school.
… aus der Klasse ausbrechen, vor all diesen Dummköpfen fliehen und dann, manchmal, lernen wir mehr von diesen 3minütigen Gebeten, diesen Songs auf den alten Vinylplatten, als uns jemals in einem Klassenraum zu Teil werden kann.
Was können wir noch alles von den Künstlern, den Narren, den Lebendigen und den Rock´n Roll Stars dieser Welt lernen.
Lieber Rainer, wenn ich dich noch um einen Schlussakkord bitten darf, dann ist es diese Frage, die mich umtreibt: Was vor allem, gab dir im Leben die Kraft, in Verantwortung zu gehen um deine, wenn wir so wollen, Pflicht(en) zu erfüllen.
Springsteen beschrieb es einmal so schön und so stelle ich mir zumindest die saftigen Lebenspunkte vor: „An dem Abend, als ich „Born in the USA“ für die Band einzählte, stießen wir eins dieser Fenster auf – ein verdammt großes Fenster. Eine Brise Verheißung, Gefahr, Erfolg, Demütigung und Scheitern weht herein und zerzaust einem das Haar. Du starrst rüber. Sollst du an dieses offene Fenster treten? Sollst du rausschauen? Sollst du dich rausbeugen und die Welt dort draußen unter die Lupe nehmen. Sollst du aufs Fensterbrett klettern und springen und mit den Füßen voran auf unbekanntem Terrain landen? Oder sollst du dich abwenden und weitergehen? Vielen guten Musikern stellen sich diese Fragen, und ich kenne ein paar wirklich großartige, die ihnen ausgewichen sind, sich ihnen verweigert und einen anderen Weg eingeschlagen haben – und trotzdem einflussreiche Musik sowie Karrieren machten. Der ganz große Erfolg ist nicht der einzige Weg. Es ist einfach nur der Weg des ganz großen Erfolgs.“
Was ist es für dich Rainer, was ein richtiges Leben ausmacht?
[1] Springsteen, Bruce (2016): born to run, Heyne Verlag; Seite 381.[2] Ebd; Seite 467.