Menschen ehren! 

Bruce Springsteen #1

Aus der Reihe Menschen ehren! erzählt dieser Blogbeitrag (m)eine Geschichte über meine Verbindung zu Bruce Springsteen. Im Duett mit Rainer Molzahn entstand dieser Beitrag. Rainer ist am 05.10.2024 verstorben. Hiermit möchte ich auch ihn ehren und in Erinnerung behalten.

#1 Marcus

(21.11.2023)


Cause Tramps like us, Baby we were born to run.

Bruce Springsteen: Born to run (1975)

Warum Springsteen? 

Es ist mir fast etwas peinlich, so groupiehaft zu glorifizieren und zu schwärmen. In den seltensten Fällen tun wir unseren Helden einen Gefallen damit. In den meisten Fällen kündigt sich damit schon die Götterdämmerung an. Gleichzeitig ist es hier Ausdruck meiner tiefen Ehrfurcht und Bewunderung für einen Mann, der aus der Enge einer Kleinstadt in Freehold, New Jersey, mit seiner Musik die Welt erobert hat. Wie er selbst immer wieder betont hat, ist es ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Es war und ist wahrscheinlich immer noch ein Prozess der Selbstermächtigung, ein Wachsen in die Souveränität des eigenen Lebens, trotz aller Umstände und Widrigkeiten. 

Der Emanzipationsprozess von Bruce Springsteen, die Selbstwerdung in den 1950er und 1960er Jahren in den USA, die Höhen und Tiefen eines Mannes, der seinen Weg gefunden hat, trotz und mit allen Dämonen und Engeln, die ihn stets begleiten - davon handelt diese Geschichte hier. Für das Gehen des Weges, für das Teilhabenlassen, für die Musik und die Stimme, die er all den hart arbeitenden, fragenden und suchenden Menschen dieser Welt gegeben hat, möchte ich Springsteen ehren.

In ihr, seiner Geschichte, spiegelt sich auch ein Teil meiner eigenen Geschichte. Vor allem durch seine Autobiografie Born to Run, sind mir Leben und Lebenswerk, seine Alben und Songtexte, sein Wirken und Schaffen noch einmal gegenwärtig und zugänglich geworden. Für mich hat er erkannt und vor allem anerkannt, dass das Leben ein kosmisches Zusammenspiel der Mächte ist, die uns alle umgeben, tragen und heimsuchen - immer wieder. Und er hat es auf so wundervolle Weise benannt in seinen Texten und tut dies immer noch.

Wie ich sehe, haben wir nun mal vom Apfel gegessen, und Adam, Eva, der rebellische Jesus in all seiner Herrlichkeit sowie Satan gehören samt und sonders zu Gottes Plan, Männer und Frauen aus uns zu machen und uns die kostbarsten Gaben zu schenken: Erde, Schmutz, Schweiß, Blut, Sex, Sünde, Güte, Freiheit, Gefangenschaft, Liebe, Angst, Leben und Tod… unser Menschsein und unsere ureigene Welt.

Bruce Springsteen (2016): Born to Run - Die Autobiografie; Seite 34.

Als Sohn einer italienischen Mutter (Adele) und eines niederländisch-irischen Vaters (Douglas) erblickte Springsteen am 23.09.1949 das Licht der Welt in Freehold, New Jersey. Umgeben von seiner Sippe (Eltern, zwei jüngeren Schwestern, Großeltern, Onkel und Tanten) wuchs er in einfachen und vom katholischen Glauben geprägten Verhältnissen auf. 

Wir schreiben die 50er und 60er Jahre. Es sind die Zeiten des Vietnamkrieges (1955 - 1975 - fast 20 Jahre!), in den USA wurden erst Kennedy (1963 in Dallas), Malcom X (1965 in NYC) und dann King (1968 in Memphis) ermordet. Diese Ereignisse liegen alle vor meinem eigenen Geburtsjahr 1983. Ich kenne sie also alle nur aus Erzählungen, von Wikipedia, dem eigenen Geschichtsunterricht, Büchern und dem Fernsehen. Beim Lesen der Autobiografie von Springsteen habe ich mir oft die Frage gestellt, wie es sich wohl angefühlt hat, in diesem von Rassenunruhen erschütterten, einem kriegführenden Land, in dem die Vorboten der Veränderung auf radikalste Weise zum Schweigen gebracht wurden, aufzuwachsen. Konservativ, die Ordnung heilig sprechend nach den Jahren des 2. Weltkrieges, nach außen den Schein wahrend und im Inneren konfrontiert mit den quälenden Fragen nach der eigenen Identität. So konstruiere ich mir diese Zeit.

Fühl dich frei! 

Lieber Rainer, “Fühl dich frei”, das waren mal deine Abschiedsworte an mich adressiert, nach einem gemeinsamen Format in der Coachingausbildung. Und wenn ich in deiner Reihe “Menschen ehren!” schreiben darf, dann freue ich mich, dass dies gemeinsam mit dir im Duett geschieht. 

Fängt die Hinwendung zu den eigenen heiligen Kühen im Leben, immer auch mit der Erlaubnis “Fühl dich frei!” an? Keimt hier die zarte Saat der Selbstermächtigung. In diesen, unseren Zeiten, in denen das allgegenwärtige “Alles darf sein!” so propagiert wird und im Guten wie im Schlechten bis aufs Äußerste korrumpiert zu sein scheint, mag es einfacher sein, seine eigenen Wahrheiten zu benennen und sie massentauglich zu verbreiten. Aber wie war das noch vor 50 bis 60 Jahren? Erinnerst du dich? Wie bist du aufgewachsen? Wie bist du deinen Umständen entwachsen? 

Springsteen und du dürftet in etwa demselben Alter sein. Die Liebe zur Musik verbindet euch ebenfalls. Der Sog der Freiheit, das Heulen mit den Wölfen (des Wandels) - wie erinnerst du die Anfänge in den 1950er und 60er Jahren in deiner Welt?